Die Wellen um Shale Gas und Fracking in Deutschland schlagen weiter hoch. Das gilt für die mittlerweile zahlreichen Bürgerinitiativen (kein-fracking.de), Lobby-Aktionen und Berliner Ressortrivalitäten gleichermaßen wie für die offizielle Politikberatung.

Zur Vorgeschichte: Im letzten Jahr gerieten sich die Hannover BGR (Bundesanstalt für Geowissenschaften) und das Dessauer Umweltbundesamt in die Haare. Die BGR hatte die Potenziale für Schiefergas (Shale Gas) in Deutschland untersucht und dazu eine erste Untersuchung vorgelegt (Download-Link). Sie hält die Risiken des Fracking für beherrschbar, wenn bestimmte Verfahrensregeln eingehalten werden. Das sah das UBA kritischer. Die Risiken seien erst ansatzweise bekannt und müssten erst einmal ausführlich evaluiert und modelliert werden (Stellungnahme des UBA). Die BGR hält das UBA wiederum für überkritisch und fordert ein vorurteilsfreies und methodisch sauberes Herangehen. Ein Kongress im Juni soll weitere Einsichten bringen.

Auch wir hatten unser Scherflein in den letzten Monaten beigetragen und ausführlich die produktionstechnischen, ökonomischen und energiepolitischen Perspektiven des Shale Gas Booms in den USA bewertet (Global Energy Briefing Nr. 82, 84 und 85).

Erst vorgestern veröffentlichte die IEA in ihrem Bericht „Resources to Reserves 2013“ neue Daten zum Thema. Auf 270 Seiten präsentiert die Internationale Energieagentur die neuesten Daten zu den Shale Gas und Shale Oil Ressourcen (sowie zur Versorgungslage für konventionelles Öl, Gas und Kohle). Wir werden die Ergebnisse dieser Studie im nächsten Global Energy Briefing (Nr.86, Mitte Juni) vorstellen.

Aktuell: Heute hat sich auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen, kurz SRU oder „Umweltrat“ genannt, in die Debatte eingeschaltet. Das Expertengremium, bestehend aus mehreren Wissenschaftlern und dem Generalsektretär Christian Hey, berät die Bundesregierung seit 1971 zu umweltpolitischen Fragen.

In der 56-seitigen Stellungnahme: „Fracking zur Schiefergasgewinnung – Ein Beitrag zur energie- und umweltpolitischen Bewertung“ (Download) kommt die SRU zu einer kritischen Gesamtwürdigung.

1. Die Versorgungssicherheit wird nicht erhöht, die Gaspreise werden nicht gesenkt, der klimapolitische Effekt ist eher negativ und die ökologischen Schäden und Risiken sind nicht von der Hand zu weisen. 

2. Die Mengen an förderwürdigem Schiefergas sind in Deutschland zu gering, um energiepolitisch relevant zu werden. Der SRU zitiert hier die o.g. BGR-Studie. Dabei könnte aus unserer Sicht noch angemerkt werden, dass die laut BGR gewinnbaren Schiefergasmengen in Deutschland (700-2300 Mrd. Kubikmeter – bcm), die ihrerseits nur etwa 10% des Gas-in-Place sind, nur einen theoretischen Wert darstellen. Die Praxis in den USA zeigt, dass langfristig nur etwa 20% des gewinnbaren Schiefergases tatsächlich gefördert wird. Die Maximalmengen für Deutschland, selbst bei einer flächendeckenden Erschließung weiter Teile Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens, reduzieren sich dadurch auf etwa 140-460 bcm (vgl. GEB Nr.84/85). Diese Mengen könnten den Gasbedarf Deutschlands nur für 1,5 bis 5 Jahre decken.

3. Auch wird die Förderung von Shale Gas in Deutschland teuer sein. Die Erdgaspreise können in Deutschland folglich nicht fallen. Das ist in den USA anders. Niedrige US-Gaspreise verdrängen dort vor allem die Kohle. Niedrigere Kohlepreise bremsen dann wiederum in Europa das teure Gas aus. Der klimapolitische Effekt ist aus dieser Sicht also negativ. Auch hier könnte man noch hinzufügen, dass die engagierten Unternehmen v.a. auf einen hohen Anteil von Liquids (Öl, NGL) hoffen, der die Bilanz der Gasbohrung erheblich verbessern würde. Erst diese „Quersubventionierung“ macht Fracking in Deutschland profitabel. Für die Verbraucher ändert sich dadurch allerdings nichts.

4. Zudem könnten der Ausbau erneuerbarer Energien und Effizienzmaßnahmen durch Schiefergas verzögert werden, also die Energiewende gefährden. Der SRU schlägt daher „flankierende Maßnahmen“ vor wie z.B. höhere Preise für Emissionsrechte. Dadurch soll Kohlestrom wieder teurer werden. 

5. Bei den besonders umstrittenen Umweltrisiken schlägt der SRU vor, das Vorsorgeprinzip anzuwenden. Fracking soll also zunächst einmal vorsorglich verboten werden, bis die Risiken ausreichend bekannt sind. Das gilt v.a. für den Schutz von Trink- und Grundwasser, für die Entsorgung des Flowback bzw. der Abwässer, die langfristige Dichtigkeit von Bohrlöchern und die Gefahren durch Unfälle.

6. Klimapolitisch ist es laut SRU noch zu früh, um Schiefergas bewerten zu können. Die Ergebnisse der bisherigen Analysen liegen bei dieser Technologie, die ja erst seit wenigen Jahren massenhaft eingesetzt wird, noch zu weit auseinander.

7. Der SRU tritt deshalb für Pilotprojekte ein, um weitere Daten sammeln zu können. Sie sollten jedoch außerhalb von Wasserschutzgebieten oder für das Trinkwasser relevanten Regionen stattfinden.

FAZIT

Die SRU-Stellungnahme bereichert die Fracking-Diskussion, indem sie energiepolitische und umweltpolitische Aspekte zusammenführt.

Die entscheidenden Fragen sind aus unserer Sicht nämlich nicht, wie groß die möglichen Umweltschäden durch Shale-Gas-Fracking sind, oder welche Mengen mit welchem Aufwand in Deutschland förderbar wären.

Entscheidend sind vielmehr die zwei umfassenderen Fragen,
(a) welchen Beitrag Shale Gas leisten kann, die erklärten energiepolitischen Ziele des Landes zu erreichen – und
(b) ob es andere Pfade gibt, mit denen das vielleicht weitaus schneller und verträglicher gelingen kann.

Brauchen wir also Shale Gas? Hierauf gibt der Umweltrat (SRU) eine eindeutige Antwort in seiner Presseerklärung: Schiefergas sei „entbehrlich“.

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Im Ergebnis kommt der SRU hinsichtlich des Frackings zur Schiefergasförderung zu folgenden Schlussfolgerungen:

– Fracking ist energiepolitisch nicht notwendig und kann keinen maßgeblichen Beitrag zur Energiewende leisten.

– Fracking ist im kommerziellen Umfang derzeit wegen gravierender Wissenslücken nicht zuzulassen.

– Fracking ist erst auf der Basis positiver Erkenntnisse aus systematisch zu entwickelnden Pilotprojekten verantwortbar.“ (aus der SRU-Studie)

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