Neue Studie: The Dirty Dozen – The Climate Greenwashing of 12 European Oil Companies

Unsere aktuelle Studie untersucht die Klimaambitionen europäischer Mineralölkonzerne. Sie wurde im Auftrag von Greenpeace CEE (Wien) erstellt.

Executive Summary

  1. Welchen Beitrag leistet Big Oil zur Energiewende und zur Eindämmung der Klimaemissionen? Nach dem Rekordjahr 2022, in dem viele Ölkonzerne die höchsten Gewinne ihrer Geschichte meldeten, ist diese Frage besonders relevant geworden.
  2. Diese Studie untersucht detailliert die Bilanzen und Aktivitäten von 12 Ölkonzernen in Europa.

    Darunter befinden sich 6 der größten Ölkonzerne weltweit (Shell, TotalEnergies, BP, Equinor, Eni, Repsol) sowie 6 Ölkonzerne, die in ihren europäischen Heimatmärkten eine zentrale Rolle bei der Energiewende spielen (OMV, PKN Orlen, MOL Group, Wintershall Dea, Petrol Group, Ina Croatia).

    Teil A der Studie präsentiert die wichtigsten Ergebnisse. Teil B enthält Kurzporträts, Fakten und Zahlen für jedes der 12 untersuchten Unternehmen.
  3. Die Analyse zeigt, dass die Gewinne im Jahr 2022 im Durchschnitt um 75 % stiegen, die Umsätze um 70 %. Die Investitionen legten lediglich um 37 % zu.
  4. Im Jahr 2022 herrschte eine einseitige fossile Dominanz bei den Investitionen: Durchschnittlich 92,7 % wurden in die Fortsetzung des fossilen Öl- und Gaspfades investiert und lediglich 7,3 % in einen Wandel hin zu nachhaltiger Energieerzeugung und Low-Carbon Lösungen.
  5. Die Energieversorgung blieb noch einseitiger. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist die Wind- und Solarstromerzeugung der großen Ölkonzerne noch überraschend gering. Im Durchschnitt der 12 Unternehmen entfallen lediglich 0,3 % des Energievolumens auf ihre Produktion erneuerbaren Stroms und 99,7 % auf ihre Öl- und Gasproduktion.
  6. Auch in den kommenden Jahren sind keine nachhaltigen Prioritäten erkennbar. Ölkonzerne richten ihre strategische Planung vorrangig auf CCS und auf CO₂-Kompensationen aus, d. h. auf sehr umstrittene Ansätze, deren Wirksamkeit zweifelhaft ist. Zwei Unternehmen verlagern ihr Geschäftsmodell von Kraftstoffen auf die Petrochemie. Die übrigen Unternehmen legen überhaupt keine transparente Klimastrategie vor.
  7. Andere Optionen wie fortschrittliche Biokraftstoffe, grüner Wasserstoff oder andere grüne Gase werden häufig erwähnt, die Bereitstellung wird jedoch weitgehend anderen Branchen überlassen. In den meisten Fällen ist von Absatzzielen die Rede, selten hingegen von Produktionszielen oder konkreten Investitionsvolumina. Hinzu kommt: Alle Optionen sollen letztlich der Verlängerung des eigenen fossilen Geschäftsmodells dienen.
  8. Eine weitreichende Reduktion der Emissionen ist auf diesem Weg nicht möglich. Obwohl sich die meisten Unternehmen zu „Netto-Null“ bis 2050 bekennen, zeigt ein genauerer Blick, dass keines von ihnen eine kohärente Strategie zur Erreichung dieses Ziels entwickelt hat.
  9. Die meisten Unternehmen der Stichprobe schrauben daher ihre Ambitionen zurück. In mehreren Fällen sollen lediglich die produktionsbezogenen Emissionen schrittweise gesenkt werden (Scope 1+2) und verbleibende Emissionen durch CCS oder CO₂-Kompensationen ausgeglichen werden.
  10. Die aus dem Verkauf von Öl und Gas resultierenden Emissionen (Scope 3) werden in den meisten Fällen ignoriert oder umdefiniert: Statt die Emissionsmengen zu reduzieren, sollen lediglich die Emissionen je Produktionseinheit (Barrel Öl, Kubikmeter Erdgas), d. h. die Emissionsintensität, gesenkt werden. Shell, TotalEnergies und Equinor setzen besonders stark auf diese Ersatzdefinition.
  11. Dieser Ansatz wird dadurch weiter verschärft, dass der Großteil der Dekarbonisierungsbemühungen auf die Zeit nach 2030 verschoben wird. Dies kommt nicht überraschend, da die überwiegende Mehrheit der Ölkonzerne plant, ihre Öl- und Gasproduktion mindestens bis 2030 zu stabilisieren oder sogar auszubauen.
  12. Das Ergebnis ist eine immer größer werdende Kluft zwischen PR-Aussagen und der Realität der Unternehmen. Diese Kluft wird durch ein vielgestaltiges und einfallsreiches Greenwashing in den Unternehmensberichten geschlossen. Unsere Studie listet dafür unzählige Beispiele auf: irreführende Definitionen von Begriffen und Zahlen, bewusst irreführende Darstellung von Ergebnissen, Verstecken wichtiger Informationen in Fußnoten und sogar eine geradezu komische visuelle Darstellung der Schwerpunkte der Unternehmensaktivitäten.
  13. Was folgt daraus? Die Ölindustrie blickt inzwischen auf eine 50-jährige Geschichte der Vertuschung von Klimaproblemen zurück sowie auf eine mehr als 100-jährige Geschichte von Umwelt- und Klimaschäden durch fossiles Öl und Gas. Noch heute wird massives Lobbying eingesetzt, um klimapolitische Initiativen zu blockieren oder zumindest abzuschwächen.
  14. Eine lange Unternehmensgeschichte hat ein Mindset hervorgebracht, das offenbar nicht in der Lage oder nicht willens ist, sich den Herausforderungen der heutigen Klimakrise zu stellen. Die meisten Großaktionäre, d. h. vor allem institutionelle Investoren, haben kein Interesse an einer Transformation, da die Energiewelt über ihr Anlageportfolio abgebildet wird, in dem Ölkonzerne eine vorherbestimmte Rolle als zuverlässige Gewinnmaschinen und Quellen hoher Dividendenzahlungen spielen.
  15. Insgesamt ist es daher nicht wahrscheinlich, dass die IOCs zu Protagonisten oder neutralen Beobachtern der globalen Energiewende und des Klimaschutzes werden.

Fazit: Ähnlich wie im Kohlesektor sollte der Fokus daher auf einem raschen wirtschaftlichen und politischen Schrumpfungsprozess der Branche liegen, auf der Abschöpfung von Gewinnen, der Vermeidung von Stranded Assets und vor allem auf einer raschen Reduzierung der Öl- und Gasnachfrage.