Der Frankfurter Kabarettist Matthias Beltz empfahl, den Tag stets mit der Frage zu beginnen: „Wer ist schuld?“ Danach gehe es ihm schon viel besser. Nachdem bei den Libor-Zinssätzen Manipulationen durch Großbanken aufgedeckt worden sind, wird nun Ähnliches bei den Ölpreisen vermutet. Der Medienrummel ist groß. Undurchsichtige Preisagenturen und ihre Komplizen in den Ölkonzernen sind demnach schuld an Benzinpreisen über 1,70 €/l und Heizölpreisen über 90 €/100l. Aber ist an dieser These wirklich etwas dran?

Lesen Sie dazu meinen heutigen Beitrag in der ZEIT.

Hier der Text:

ENERGIEPOLITIK

Wir alle treiben den Ölpreis

Die Preise für Benzin und Heizöl erreichen derzeit wieder neue Rekordmarken. Kritiker vermuten, dass der Ölpreis manipuliert wird. Aber stimmt das?

Nachdem bekannt wurde, dass verschiedene Großbanken den Libor manipuliert haben, wird nun Ähnliches beim Öl vermutet. Kritiker monieren insbesondere die fehlende Transparenz: Undurchsichtige Preisagenturen und die mächtigen Ölkonzerne seien demnach verantwortlich für Benzinpreise jenseits der 1,70 Euro und Heizölpreise von über 90 Euro pro 100 Liter und nicht allein Angebot und Nachfrage.

Dass der Benzinpreis derzeit nur knapp unter seinem Allzeithoch steht, liegt vor allem am niedrigen Euro-Kurs. Denn Öl wird in Dollar gehandelt und ein schwacher Euro treibt den Preis an deutschen Tankstellen nach oben. Trotzdem ist die Frage nach den Ursachen für den Preisanstieg von Öl und Benzin berechtigt. Denn der Ölpreis hat sich schon seit Jahren von der Entwicklung der Förderkosten abgekoppelt und führt quasi ein Eigenleben.

Die Art und Weise, wie die zahllosen Preise für Rohölsorten und Ölprodukte ermittelt werden, ist auf den ersten Blick nicht sehr vertrauenerweckend. Verschiedene Preisagenturen, am bekanntesten sind die amerikanische Platts unddie britische Argus, rufen die Ölfirmen und Großeinkäufer mehrmals am Tag an, fragen nach, zu welchen Preisen sie heute Geschäfte abgeschlossen haben, notieren sich die Antworten, werfen einen Blick auf die Ölbörsen und den Nachrichtenticker, denken sich dann ihren Teil dazu und veröffentlichen auf dieser Grundlage den offiziellen Marktpreis. Oft tut sich aber gar nichts, denn auf vielen Märkten wird nur ein oder zwei Mal pro Woche ein nennenswerter Deal abgeschlossen. Im schlimmsten Fall schätzen die Agenturen den Preis einfach nach Gefühl.

Alternativ dazu gibt es täglich öffentliche Auktionen auf ebenfalls von den Agenturen organisierten virtuellen Marktplätzen. Einer davon ist das sogenannte Platts Window. Hier kauft beispielsweise die US-Bank Morgan Stanley einen halben Tanker Rohöl in der Nordsee von einem Schweizer Ölgroßhändler. Aber auch dort gibt es so wenige Preissignale, dass nur mit viel gutem Willen von einem wirklichen Durchschnittspreis gesprochen werden kann.

Für die Aufsichtsbehörden ist dies ein großes Problem. Auch sie können sich nur auf die wenigen Daten stützen, die öffentlich werden. Eine Manipulation ist so nur schwer nachweisbar. Selbst die Saudis hüten sich, einen Festpreis zu verlangen. Sie nutzen sogenannte Formelpreise für ihre Ölsorten, beispielsweise  „Argus U.S. Sour Crude plus ein Dollar“ oder „Brent minus 2 Dollar“.

Aber auch wenn das Verfahren nicht zufriedenstellend ist, gibt es derzeit keine ernsthafte Alternative. Reine Marktpreise aus dem physischen Ölmarkt sind kaum beobachtbar und zu anfällig für Manipulationen, wie die siebziger Jahre und heute noch gelegentlich der Nordseemarkt zeigt.

Ende der Siebziger spielte der Ölmarkt verrückt, als die iranische Revolution und höhere Preisforderungen der Opec-Staaten zu Hamsterkäufen führten. Da die frei verfügbaren Mengen im Markt zu gering waren, schoss der Preis in die Höhe und stieg (inflationsbereinigt) in der Spitze bis auf 40 Dollar pro Fass. Ein Niveau, das (inflationsbereinigt) bis heute nicht mehr erreicht wurde. Der Markt signalisierte eine Knappheit, die in Wahrheit gar nicht existierte.

In diesem Monat erleben wir Ähnliches auf dem Markt für Öl aus der Nordsee. Technische Störungen auf einzelnen Ölfeldern hatten einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf den Brent-Preis, an dem sich zwei Drittel der Weltölpreise orientieren.

Was folgt daraus? Die Ölbörsen allein sind zwar transparent, aber sie handeln nur eine Handvoll Produkte mit aussagekräftigem Volumen. Auch sind sie viel zu anfällig für Spekulanten und Großwetterlagen in den Aktien- und Kreditmärkten.

Aber die Kritiker vergessen die zahllosen checks and balances, die mittlerweile eingebaut sind: Die Börsenpreise, die Agenturpreise und die zahllosen Endverbraucherpreise halten sich gegenseitig in Schach. Auch gibt es in den meisten Märkten mehrere Agenturen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Keiner kann zu weit vom anderen abweichen.

Hinzu kommt der zeitliche und regionale Zusammenhang: Der Preis für den Novemberkontrakt muss sich zwischen den Oktober- und Dezemberpreis einreihen und kann nicht plötzlich aus der Reihe tanzen. Auch kann eine Agentur nicht unerwartet zu hohe regionale Preisunterschiede feststellen, ohne dies sehr gut zu begründen. Tausende von Preisen sind also in einem Netz miteinander verwoben, sodass zu starke Abweichungen sofort auffallen würden.

Natürlich gibt es immer wieder berechtigte Kritik an einzelnen Preisen, aber hier geht es fast immer um die Stellen hinter dem Komma. Dieser Streit lohnt sich zwar für die Händler, denn täglich wird für etwa acht Milliarden Dollar Rohöl verbraucht. Händler und Finanzspekulanten erhöhen diesen Umsatz dann noch um ein Vielfaches an den Ölbörsen – vulgo: Wettbüros – oder den außerbörslichen Märkten. Aber für den Endverbraucher ist diese Debatte letztlich uninteressant.

Viel wichtiger sind andere Einflüsse: Die mächtige Opec verhindert beispielsweise immer wieder, dass die Ölpreise zu stark sinken, indem sie einfach ihre Produktion drosselt. Den größten Einfluss üben aber wir selbst aus: Unsere überwältigende, kaum ernsthaft debattierte Abhängigkeit von einem Rohstoff, der immer knapper wird, führt dazu, dass wir künftig mangels Alternative sogar noch viel höhere Preise bezahlen werden.