CCS Northern Lights: Die erste CO2-Einpressung beginnt – aber gibt es einen Business Case?

  • Die Unternehmen des Northern Lights CCS-Konsortiums gaben heute die erste erfolgreiche Einleitung von CO₂ in eine Speicherstätte in 2.600 Metern Tiefe unter dem Meeresboden vor der norwegischen Küste bekannt.
  • Auf diese Testinjektion soll in einigen Monaten die Einleitung von CO₂ aus einem norwegischen Zementwerk in Brevik (Heidelberg Materials) folgen. Das CO₂ wird abgeschieden, komprimiert und mit Spezialschiffen zum Empfangsterminal an der norwegischen Küste transportiert. Von dort wird es durch eine 100 km lange Pipeline in die CO₂-Speicherstätte unter dem Meeresboden gepumpt.
  • Das Projekt wird stark subventioniert. Die Unternehmen haben bislang keine Daten zu den Kosten der CO₂-Entsorgung veröffentlicht. Auch über den Energieverbrauch der Wertschöpfungskette ist wenig bekannt.
  • Northern Lights ist das erste operative CCS-Projekt in Europa, das darauf abzielt, CCS zu einem europaweiten Geschäft zu machen. Weitere Großprojekte sollen in den Niederlanden, Großbritannien und Dänemark folgen.
  • Das norwegische Projekt gilt als wichtiger Testfall für die gesamte Branche und für die Klimastrategien der Industrie in Europa.
  • Die CCS-Branche steht weltweit unter Druck. Die meisten Projekte der letzten Jahrzehnte sind aufgrund technischer Probleme oder überhöhter Kosten gescheitert.
  • Frühere norwegische Projekte (Sleipner und Snøhvit) verfolgten einen wesentlich einfacheren Betriebsansatz. Sie umfassten lediglich die Abscheidung von bereits hochkonzentriertem CO2 aus einem benachbarten Erdgasfeld. Dennoch gab es auch hier erhebliche technische Probleme.
  • Das CCS-Joint-Venture Northern Lights befindet sich zu gleichen Teilen im Besitz von Equinor, Shell und TotalEnergies. In der ersten Ausbaustufe wird eine Kapazität von 1,5 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr erwartet. In der zweiten Phase, die 2028 beginnen soll, wird sie auf insgesamt 5 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr steigen.
  • Northern Lights hat bislang Verträge oder vorläufige Vereinbarungen mit fünf Kunden bekannt gegeben: Stockholm Exergi (Biomasse/BECCS), Heidelberg Materials (Zement), Celsio (Müllverbrennung), Yara (Düngemittel) und Ørsted (Biomasse/Strom).
  • Theoretisch könnte das Joint Venture in der zweiten Phase einen Jahresumsatz von 300 Millionen Euro erzielen, vorausgesetzt, der CO2-Preis liegt bei 100 Euro pro Tonne (derzeit 70 Euro) und die Abscheidungsanlagen sowie der Landtransport zur Küste (z. B. in Norddeutschland) können zu Gesamtkosten von 40 Euro pro Tonne abgewickelt werden (Schätzungen der IEA).
  • Bislang liegen jedoch kaum Zahlen aus der Praxis vor. Wie üblich ist zudem mit jahrelangen Anlaufschwierigkeiten zu rechnen. Und ob am Ende ein Gewinn möglich ist, erscheint fraglich. Ohne deutlich höhere CO2-Preise oder jahrzehntelange Subventionen ist wahrscheinlich kein Business Case in Sicht.
  • Die erste Ausbaustufe wurde im Rahmen des groß angelegten Longship-Projekts, das die gesamte Kette von der CO2-Abscheidung über den Transport per Schiff bis zur Einleitung in den Speicherstandort abdeckt, hauptsächlich von der norwegischen Regierung zu 70–80 % finanziert.
  • Norwegen und die beteiligten Ölkonzerne hoffen, dass sich dadurch ein neues Geschäftsfeld eröffnet und sie weiterhin fossiles Erdgas nutzen können.
  • Neben traditionellen Industrieunternehmen, Zementwerken und Müllverbrennungsanlagen ist insbesondere die Erdgasindustrie am Erfolg von CCS interessiert. Blaues Ammoniak, Blaues Methanol oder Blauer Wasserstoff könnten dann wie bisher aus fossilem Erdgas hergestellt werden. Diese technologischen Wege konkurrieren mit grünen Kraftstoffen, die aus Elektrolyse-Wasserstoff (aus Solar- oder Windenergie) und CO₂ produziert werden.
  • Mehr zu CCS in Norwegen, den hier zitierten Zahlen und weltweiten Trends gibt es in meinen aktuellen Bericht:
    • https://www.energycomment.de/ccs-can-we-just-bury-our-co2-problem/


Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert