Summary
- Länderspezifische Entwicklungen bestimmen den Umfang und das Tempo des Übergangs zur Elektromobilität. Brasilien ist dabei ein besonders interessanter Fall.
- Die Agrarindustrie und die staatliche Ölgesellschaft Petrobras bremsen die Einführung von Elektroautos. Der Markteintritt chinesischer Elektroautohersteller zeigt jedoch erste Erfolge.
- Brasiliens Kurs wird weiterhin von nationalen Besonderheiten geprägt. Letztendlich könnte dies zu einer ganz eigenen Struktur des Kraftstoffmarkts führen, bei der Benzin, Ethanol und Batterien kombiniert werden.
Kraftstoffe im Straßenverkehr – Unterschiedliche Pfade
- Elektromobilität ist in einem dekarbonisierten Stromsystem bei weitem die beste Lösung: sowohl in klimapolitischer als auch in sicherheitspolitischer und oft auch in industriepolitischer Hinsicht.
- Technologiepfade werden jedoch im nationalen Kontext entwickelt und ausgewählt. Historisch gewachsene wirtschaftliche und politische Strukturen, oder auch natürliche Gegebenheiten spielen dabei eine entscheidende Rolle. Diese Kombination von Faktoren kann die Einführung von Elektroautos beschleunigen (siehe China, Norwegen) oder aber verzögern.
- Zur zweiten Gruppe gehören beispielsweise einige der verwirrenden energiepolitischen Entscheidungen Japans (grünes Ammoniak für Kohlekraftwerke?!). Selbst in diesem Hightech-Land, das über keine fossilen Ressourcen verfügt, spielen Elektroautos bislang nur eine Randrolle (3 % Marktanteil). Brasilien ist ein zweites Beispiel.
News aus Brasilien
- Auch Brasilien verfolgt im Bereich der Kraftstoffe für den Straßenverkehr einen eigenen Kurs. Zwei Meldungen sind mir in den letzten Tagen aufgefallen:
- Vor einigen Tagen hat der CNPE (Nationaler Rat für Energiepolitik) beschlossen, die Biokraftstoffquoten in Kraftstoffen für den Straßenverkehr anzuheben. Der Ethanolanteil soll von 27 % auf 30 % steigen, der Biodieselanteil im Dieselkraftstoff von 14 % auf 15 %. Die Agrarlobby hat sich damit erneut durchgesetzt.
- Elektroautos: Der Anteil von Elektrofahrzeugen an den Neuzulassungen beträgt in diesem Jahr nur 6 %. Die meisten davon sind Plug-in-Hybride (PHEVs). Angesichts des Potenzials zur Dekarbonisierung durch Elektroautos ist dies sehr wenig. Rund 90 % des brasilianischen Stroms entstehen aus erneuerbaren Energien (hauptsächlich Wasserkraft).
- Im Juni 2025 wurden gerade einmal 5900 BEV verkauft. In absoluten Zahlen wächst der Markt für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor immer noch doppelt so schnell wie die Elektroflotte.
- Nur risikofreudige chinesische Automobilkonzerne (insbesondere BYD mit einem Marktanteil von 80 % bei BEV) konnten in den letzten Monaten diesen Mini-Boom auslösen. Mängel in der Ladeinfrastruktur sowie niedrige Benzin- und Ethanolpreise bleiben jedoch große Hürden, die andere EV-Anbieter abschrecken.
Das brasilianische Erbe: Ag & Oil
- Bioethanol und Biodiesel
- Die konservative Agrarindustrie hat in Brasilien schon immer eine herausragende Rolle gespielt. Zuckerrohr war bereits im 16. Jahrhundert das wichtigste Exportgut des Landes. Auch nach der Unabhängigkeit (1822) übte sie weiterhin erheblichen Einfluss aus – nicht immer zum Wohle des Landes.
- In den 1970er Jahren beschloss die Militärregierung, das Land durch die Förderung von Bioethanol weniger abhängig von Ölimporten zu machen. Es entstand eine große nationale Automobilindustrie, an der der deutsche Volkswagen-Konzern maßgeblich beteiligt war. Flex-Fuel-Fahrzeuge wurden schnell populär. Sie können entweder mit Bioethanol oder mit Benzin betrieben werden. Dies ermöglicht es den Verbrauchern, flexibel auf unterschiedliche Preisentwicklungen in den Zucker- und Ölmärkten zu reagieren.
- Brasilien spielt heute weltweit eine wichtige Rolle im Bereich Bioethanol und zunehmend auch bei Biodiesel. Das aktuelle Programm „Fuel of the Future“ zielt darauf ab, die nationale Versorgung mit Biokraftstoffen weiter auszubauen und auch neue Märkte wie SAF (Sustainable Aviation Fuels) zu bedienen.
- Was Bioethanol betrifft, hat Brasilien mit 650 kb/d (2025) einen Anteil von 30 % am Weltmarkt und liegt bei der Produktion an zweiter Stelle hinter den USA.
- Bei Biodiesel ist Brasilien mit 180 kb/d (13 % Weltmarktanteil) die Nummer 3 hinter Indonesien und den USA.
- Fossiles Öl
- Nur wenige Jahre nach dem Start des Ethanolprogramms in den 1970er Jahren wurden in Brasilien riesige Ölreserven entdeckt, hauptsächlich vor der Küste. Anfangs kam die Erschließung nur langsam voran. Heute gehört Brasilien mit 3,5 Mio. Barrel pro Tag zu den zehn größten Ölproduzenten der Welt und ist unabhängig von Ölimporten. Die Förderung aus den sehr tiefen Pre-Salt-Ölfeldern weit vor der Küste ist eines der technisch und finanziell komplexesten Unterfangen der Welt.
- Brasiliens Ölverbrauch steigt stetig an. In diesem Jahr wird er voraussichtlich 3,4 Mio. Barrel pro Tag erreichen, was etwas mehr als 3 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs entspricht.
- Bis zum Ende dieses Jahrzehnts könnte das Land nach den Vereinigten Staaten, China und Indien der viertgrößte Ölverbraucher der Welt sein.
- Mit einer Bevölkerung von 212 Millionen liegt Brasiliens Pro-Kopf-Verbrauch an fossilen Brennstoffen bereits über dem globalen Durchschnitt, trotz der wichtigen Rolle, die Biokraftstoffe spielen. Allerdings trägt auch der Agrarsektor dazu bei: Die Dieselnachfrage steigt während der Ernte- und Pflanzsaison stark an. Das Angebot an batterieelektrischen Fahrzeugen in diesem Sektor ist noch gering.
- The conservative agricultural industry has always played a prominent role in Brazil. Sugarcane was the country’s most important export commodity as early as the 16th century. Even after the country gained independence (1822), it continued to exert considerable influence – not always for the best of the country.
Ausblick: Kraftstoffmärkte do jeito brasileiro?
- Wie könnte Brasiliens Energiezukunft aussehen? Vielleicht wird es in den 2040er Jahren zu einem Kompromiss kommen, der die Interessen der Autohersteller, der Agrarindustrie und des staatlichen Ölkonzerns Petrobras vereint:
- Steigende Exporte fossiler Brennstoffe auf den Weltmarkt
- Ein langsameres Wachstum bei reinen Elektrofahrzeugen (BEVs) und stattdessen eine Kombination aus Ethanol-/Benzinmotoren und Batterien, d. h. PHEVs oder EREVs (ein zusätzlicher Verbrennungsmotor lädt die Batterie bei Bedarf auf).
- Neue Märkte für die Bioethanol- und Biodieselindustrie: SAF für die Luftfahrt, Biokraftstoffe oder Biomethanol als Schiffskraftstoffe.
- Die volatilen Marktpreise für Strom, Zucker/Ethanol und Öl könnten dann zu einem Kraftstoffmix führen, der schnell auf Marktimpulse reagiert.
