Zusammenfassung: Gas ist im Großhandel in den USA deutlich billiger als in Deutschland. Aber bei den Verbrauchern kommt dieser Preisvorteil kaum an. Insbesondere der Nordosten der USA leidet immer wieder unter Rekordpreisen für Erdgas.

„Niedrige Gaspreise durch Fracking“ – mit diesem Argument wird in Deutschland und ganz Europa die Werbetrommel für Bohrgenehmigungen und Subventionen geschlagen. Bestes (genauer: einziges) Beispiel dafür seien die USA und ihr Schiefergasboom. Ein Exodus der Industrie über den Atlantik und erhebliche Nachteile für die deutschen Verbraucher seien die Folgen der deutschen Fracking-Abstinenz.

In diesem Artikel wird nicht auf die Kurzlebigkeit des Schiefergasbooms und seine vielfältigen ökologischen und sozialen Kosten eingegangen (mehr dazu). Hier geht es nur um eine kritische Analyse des Preisarguments.

Auf den ersten Blick sind die Preisunterschiede im Großhandel in der Tat enorm. Erdgas kostet zur Zeit:

– in Deutschland (Gashubs) 2,7 Eurocent/kWh (10,7 $/MMBtu).

– in den USA (Gasbörse/HH)) 1,1 Eurocent/kWh (4,45 $/MMBtu).

Die niedrigen US-Preise sind das Ergebnis eines Booms von Fracking-Bohrungen in den Schiefergasregionen sowie fehlender Exportmöglichkeiten. Die amerikanische Gaspreise können sich daher von den Weltmärkten abkoppeln, zumindest bis 2017, wenn die ersten LNG-Exportterminals (LNG=Flüssiggas) ihren Betrieb aufnehmen.

Doch was hat der amerikanische Verbraucher davon, also der Gaskunde, der seine Wohnung und sein Warmwasser mit Erdgas heizt und dessen Strom durch die Verbrennung von Erdgas erzeugt wird?

Das Schaubild zeigt, dass der Preisrückgang bei den US-Großhandelspreisen (braune Linie) nach 2007 bei den Verbraucherpreisen für Erdgas (blaue Linie) nur sehr abgeschwächt angekommen ist.

Erdgaspreise USA - Citygate vs Privathaushalte

 

Das ist aber immer noch weniger als in Deutschland. Unter normalen Marktbedingungen lebt der Verbraucher in den USA billiger als hierzulande. Privathaushalte zahlten im Schnitt in den Wintermonaten der letzten Jahre 3,5 Euro-ct/kWh. In Deutschland muss ein Haushalt selbst bei einem günstigen Anbieter mit 6,5 ct/kWh rechnen. Gleicht man die deutschen Steuern und Abgaben an das niedrigere US-Niveau an, stehen immer noch unter dem Strich 3,5 ct/kWh (USA) gegenüber 5 ct/kWh („US-äquivalenter“ deutscher Gaspreis). Aber der Preisunterschied macht deutlich: „Revolutionen“ sehen anders aus.

Und selbst dieses Preisgefälle gilt nur für „normale“ Marktbedingungen:

1. US-Gaspreise im Großhandel steigen und sind regional sehr unterschiedlich

Heizen mit Erdgas hat in den USA Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite steht das steigende Angebot aus den Schiefergasquellen und das niedrige nationale Preisniveau. Auf der anderen Seite muss das Erdgas oftmals über Tausende von Kilometern per Pipeline zum Verbraucher transportiert werden, v.a. aus dem Süden in den Norden des Landes. In vielen Regionen gibt es Transportengpässe, die von windigen Erdgashändlern und Pipelineunternehmen ausgenutzt werden. Zudem steigt die Nachfrage in manchen Bundesstaaten sprunghaft und z.T. unvorhersehbar an, weil Stromproduzenten je nach Preislage kurzfristig zwischen Erdgas und Kohle wechseln.

Bei aller Euphorie über die Shale Gas Revolution sollte man außerdem im Auge behalten, dass die Gasförderung in den USA 2013 nur um 1% gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist. Von den großen Schiefergasregionen wachsen zur Zeit nur noch das riesige Marcellus Shale (Pennsylvania) und Eagle Ford (Texas). In den großen „alten“ Shale-Regionen, wie z.B. Haynesville und Barnett, die schon seit über fünf Jahren intensiv durch Fracking und Directional Drilling erschlossen wurden, fällt die Förderung bereits.

Also wachsende Nachfrage, stagnierendes Angebot, schwierige Transportbedingungen. Da überrascht es nicht, dass die durchschnittlichen Großhandelspreise für Erdgas 2013 gegenüber dem Vorjahr steil angestiegen sind, wie die folgende Übersicht zeigt. Am wichtigsten Pipelinekreuz in Louisiana (Henry Hub) stieg der Preis um +35%. Der Nordosten (Algonquin Citygate, u.a. Boston) war mit einem Anstieg von +75% am stärksten betroffen. Der durchschnittliche Spotpreis lag hier bei 6,90 $/MMBtu, also fast 100% über dem Landesdurchschnitt. Zwar steigt im benachbarten Pennsylvania (Marcellus Shale) die Schiefergasproduktion steil an, aber die Konsumenten können mangels Infrastruktur frühestens 2016 von diesem Boom profitieren.

 

Gaspreisanstieg in den USA nach Region 2013 vs 2012. Quelle: EIA
Gaspreisanstieg in den USA nach Region 2013 vs 2012. Quelle: EIA

Das nächste Schaubild zeigt die enormen Differenzen zwischen den regionalen Großhandelspreisen. In den Wintermonaten liegen die Gaspreise im dicht besiedelten Nordosten der USA 5-10mal höher als im gasreichen Süden. Die Region hat mit ihren kalten Wintern einen hohen Heizbedarf und muss einen großen Teil des Gases über Pipelines aus dem Süden des Landes importieren.

Gaspreise (Spotmarkt) im Nordosten der USA und Henry Hub (Louisiana). Quelle: EIA
Gaspreise (Spotmarkt) im Nordosten der USA und Henry Hub (Louisiana). Quelle: EIA

Jedes Jahr erlebt der amerikanische Nordosten dieselben Knappheitspreise, die zu traumhaften Renditen bei Gashändlern führen:

  • Eine Kältewelle führte Ende 2013 rund um Boston zu einem Sprung der Großhandelspreise von 5 auf 33 $/MMBtu. Die Pipelines lieferten nicht genug Gas und Erdgashändler nutzen die Situation aus. Das betraf dann nicht nur die Heizrechnung, sondern auch die Stromrechnung: Da mehr als 50% der Kraftwerke in New England Gas verbrennen, sprang der ohne schon hohe Strompreis in Massachusetts von 80 auf 120 $/MWh. Viele amerikanischen Haushalte, auch im kalten Nordosten, heizen mit Strom.
  • Auch im Winter 2012 erreichte der Gaspreis Rekordwerte: Kraftwerksbetreiber (Strom) und Gasgesellschaften (Wärme) boten um die Wette, als die Pipelinekapazitäten knapp wurden. Im Januar 2013 mussten zeitweise mehr als 31 $/MMBtu bezahlt werden.
  • Aber die Kältwelle vor 14 Tagen (Anfang Januar 2014) schlug alle Rekorde: Die Gaspreise (Spotgroßhandel) stiegen für die Stadt New York auf 57 $/MMBtu (siehe folgendes Schaubild), in New Jersey auf $71 und in der Region Boston auf ein Hoch von 50 $/MMBtu, bevor sie dann auf $34 zurückfielen – was jedoch immer noch weit jenseits der landesweiten Durchschnittspreise von aktuell $4,4/MMBtu lag. Nach dem 7. Januar ging es steil nach unten bis auf das übliche Preisniveau, aber jetzt sind die Speicher leer. Jede zusätzliche Kältewelle wird zu neuen Knappheitspreisen führen. Die Meterologen haben für Ende Januar fallende Temperaturen angekündigt.
  • Im fernen Texas, das ebenfalls Anfang 2014 von der Kältewelle erfasst wurde, stiegen die Strom-Großhandelspreise (Spot) für wenige Minuten auf 5.258 $/MWh – ein Allzeitrekord (normal sind 50 $/MWh). 58% der texanischen Haushalte heizen mit Strom, so dass Änderungen bei den Strompreisen auch auf die Wärmepreise wirken.

 

New York Strom- und Gaspreise Dez.13/Jan.14 Quelle: EIA
New York Strom- und Gaspreise Dez.13/Jan.14 Quelle: EIA

 

Folgen für die Heizkosten der Privathaushalte

Nicht alle privaten Haushalte sind unmittelbar von den wilden Preisschwankungen im Erdgas-Großhandel betroffen. Für sie werden sich die höheren Einkaufspreise ihres Versorgers erst bemerkbar machen, wenn die Preisbindung ihres Gasvertrags ausläuft. Viele Kunden verzichten jedoch auf die 12- oder 24-monatige Preisbindung und werden die Folgen daher schon in der nächsten Gasrechnung sehen.

Dämpfend wirkt, dass viele Gasversorger Instrumente zur Absicherung ihrer Einkaufspreise einsetzen, doch das ist nicht kostenlos und von Versorger zu Versorger unterschiedlich. Die Gaskraftwerksbetreiber sind direkter betroffen, da sie ihr Gas normalerweise extrem kurzfristig auf dem Spotmarkt zukaufen. Haushalte mit Stromheizungen sind also unmittelbar von den hohen Gaseinkaufskosten ihrer Versorger betroffen.

Die amerikanische Energiebundesbehörde EIA erwartete schon im Oktober 2013, dass etwa 90% der 116 Mio. Privathaushalte in den USA in diesem Winter mit höheren Heizkosten rechnen müssen. Das nächste Schaubild zeigt, dass die Öl- und Gasschwemme in den USA im Wärmemarkt seit 2007 kaum Eindruck hinterlassen hat. Die Stromheizungen blieben in etwa gleich hoch, die Heizölpreise stiegen und Erdgas zieht seit zwei Jahren im Preis wieder an.

Heizkosten USA 2007-2014 (Heizöl, Propan, Strom, Propan)

Heizkosten USA 2007-2014 (Heizöl, Propan, Strom, Propan)

Haushalte, die mit Erdgas heizen, sollten selbst nach der moderaten Prognose vom Oktober mit durchschnittlich $679 Heizkosten im Winterhalbjahr rechnen (vgl. Schaubild unten); das sind 13% mehr als im letzten Winter; Propanheizer zahlen $1666 (+9%), Stromheizer $909 (+2%) und Heizölkunden $2046 (-2%). Doch diese Zahlen sind angesichts der Kältewelle im Dezember/Januar schon Makulatur. Die EIA konnte nicht ahnen, dass ihre vorsichtige Kälte- und Preisprognosen noch weit übertroffen werden.

Gaspreise und Heizkosten je Haushalt in den USA. Quelle: EIA

Gaspreise und Heizkosten je Haushalt in den USA. Quelle: EIA

 

 

Heizölpreise und Heizkosten je Haushalt mit Ölheizung in den USA. Quelle: EIA
Heizölpreise und Heizkosten je Haushalt mit Ölheizung in den USA. Quelle: EIA

 

Fazit

Vom Schiefergasboom kommt bei den Verbrauchern nicht viel an: Die Privathaushalte in den USA, v.a. im Nordosten, müssen sich auf steigende Heizkostenabrechnungen gefasst machen. Einige Regionen (New York, Boston etc.) erleben sogar neue Rekordpreise für Gas und Strom.

Das folgende Schaubild zeigt, dass die deutschen Gaspreise für Privathaushalte nicht so weit wie erwartet von den US-Gaspreisen entfernt liegen. Das gilt insbesondere dann, wenn man die in Deutschland höhere Abgabenquote (Umsatzsteuer, Erdgassteuer) an das US-Niveau anpasst.

 

Preisvergleich für private Haushalte: Gaspreise in Deutschland, USA, US-Bundesstaaten

Vergleich Gaspreise Deutschland USA bis Oktober 2013

Vergleich der Gaspreise für private Haushalte Deutschland/USA bis Oktober 2013 (Quelle: EIA)

Energiepolitiker warnen bereits, dass sich der Nordosten der USA zu einseitig auf Erdgas stützt. Sie plädieren für eine höhere Energieeffizienz der Heizungen, bessere Dämmung der Häuser, für Solar- und Windenergie, um die regionale Energieversorgung krisenfest zu machen.

 


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