Die aktuelle Lage im Gasmarkt – Szenarien und Optionen (Thesen)

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Die deutsche Debatte über die Gaspreiskrise schwankt bislang zwischen kurzfristigen Entschärfungen (z.B. Verbraucherschutz, EEG-Umlage senken) und langfristigen Lösungen (Ausbau der Erneuerbaren Energien). Aber dazwischen klafft eine breit strategische Lücke in der deutschen Erdgaspolitik.

Hier einige Thesen und Anregungen:

(1) Wenn der Winter mild/normal bleibt, bleiben im März 20-30 bcm von den aktuell 85 bcm in europ. Speichern übrig. Alles gut. Wenn der Winter auf der Nordhalbkugel aber kalt/lang wird, werden die Speicher bis zum Frühjahr je nach Studie auf Null (WoodMac) oder 10 bcm (OIES) fallen. Für dieses Negativszenario muss rechtzeitig ein “Plan B” in der Schublade liegen, um die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Demand Destruction zu minimieren.

(2) Die Gaspreise im Großhandel werden voraussichtlich bis mindestens 2024 hoch bleiben, vor allem weil die amerikanischen Binnenpreise von 2 auf 5-10 $/mmBtu (15-30 €/MWh) steigen bzw. schon gestiegen sind (aktuell: 5,7 $/mmBtu). Die US LNG-Lieferpreise für Europe bilden den Price Floor, an dem sich auch Gazprom und Norwegen orientieren. Da die US-Exporte mittlerweile 10% der amerikanischen Gasproduktion übersteigen und sensibel auf Preisimpulse aus Übersee reagieren, bleiben die LNG-Importpreise aus europäischer Sicht (cif) in den kommenden Jahren eher bei 30-60 €/MWh als bei früher 15-20 €/MWh, wie dies in den Jahren davor der Fall war.

(3) Für Private Haushalte bedeutet das, dass aus den bislang üblichen 6 ct/kWh (auch wg BEHG-Abgaben) dauerhaft 9-10 ct/kWh werden. Die Beschaffungskosten machen beim alten Gaspreis von 6ct/kWh nur 2-3 ct/kWh, also weniger als die Hälfte. Sollte der Gastarif wie erwartet steigen, wären das bei einem Einfamilienhaus (20.000 kWh) zusätzliche 600-800 Euro pro Jahr. Die jährlichen Gasimporte Deutschlands (90 bcm) kosten dann statt ca. 15 Mrd. Euro plötzlich 50 Mrd. Euro – oder mehr, falls es neue Moskauer Muskelspiele gibt.

(4) Aktuell reagieren die Gasversorger (Stadtwerke, überörtliche Anbieter) sehr unterschiedlich auf den Preisschock bei den Einkaufspreisen. Einige große Anbieter wie z.B. Eon oder Rheinenergie (Köln) haben ihre Tarife von bislang 5-6 ct/kWh auf 13-14 ct/kWh mehr als verdoppelt. Immer mehr kleinere und mittlere Stadtwerke verlangen aktuell 8-9 ct/kWh. Eine Reihe von Stadtwerken hat noch nicht reagiert und bietet nach wie vor zu den alten Tarifen an. Das könnte darauf deuten, dass diese Anbieter ihr Gas für 2021/2022 bereits zu niedrigen Preisen eingekauft hatte.

(4) Was tun? Ich keine keine wirklich zufriedenstellende, schnell wirksame Lösung. Aber ein paar Anregungen:

(a) Regelmäßiges Monitoring der Hedgingstrategien der örtlichen Grundversorger (dort sind 70% der Privaten Haushalte) und der überregionalen Gasversorger als Vorwarnsystem für Preiskrisen.
(b) Einspeisepflicht für große Gasspeicher rechtzeitig vor den Wintermonaten (Gazprom!).
(c) Druck auf Gasimporteure, längerfristige und diversifizierte LNG-Lieferkontrakte abzuschließen, um Spotmarkt-Exzesse wie in diesem Herbst teilweise zu entschärfen. China tut das im Moment mit den US-Terminals. EU sollte sich daher nicht allein auf Marktkräfte verlassen, wenn die Konkurrenz nach anderen Regeln spielt.
(d) Klingt selbstverständlich, ist es aber leider nicht: Bessere Erfassung der deutschen Gasimporte – wer liefert wieviel? Wer ist wie abgesichert?
(e) Natürlich möglichst rascher Ausbau der EE-Stromerzeuger und höhere Gebäudeffizienz – jeder Schritt zählt.
(f) Aristoteles lesen: Es ist wahrscheinlich, dass etwas Unwahrscheinliches geschieht. Also Resilienz der Energieversorgung erhöhen und Abhängigkeit von dominanten Anbietern wie Russland reduzieren.

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