Das Magazin Panorama (ARD/NDR) hat im September mit mehreren Fernseh- und Videoberichten  die Fracking-Debatte in Deutschland belebt, aber auch verkürzt, und damit in eine Richtung gelenkt, die für die energiepolitische Debatte letztlich unergiebig ist.

Wir haben in zahlreichen Analysen in den Jahren 2013 und 2014 die Schiefergas- und Schieferölförderung untersucht und unter verschiedenen Gesichtspunkten bewertet (vgl. unten). Auf dieser Basis möchte ich die Inhalte der TV-Sendungen wie folgt kommentieren.

[pullquote]Panorama:
Die Hauptthese der Berichte lautet, dass die Risiken des Frackings beherrschbar und nicht wesentlich größer als bei konventionellen („normalen“) Gasbohrungen seien.[/pullquote]

Mein Kommentar:

Die Aussagen der Interviewpartner beziehen sich fast ausschließlich auf den Vorgang des Frackings, also das Aufbrechen des dichten Schiefergesteins. Durch diese Verkürzung des Themas wird der Zuschauer irregeführt. Der Frackingprozess im Boden ist nur ein Schritt bei der Förderung von Schiefergas und Schieferöl. Was in der Bewertung fehlt:

  • die Bohrung selbst
  • der Transport enormer Mengen von Hilfsstoffen im ländlichen Raum mit schweren LKW
  • das Entweichen von Methan und anderer Gase bei der Bohrung (Fackelarbeiten)
  • die jahrelangen Gasemissionen durch Risse/Lücken in der Zementverschalung
  • das Auffangen und Entsorgen toxischer Rückflüsse
  • die Sicherung der Bohrlochintegrität über Jahrzehnte hinweg
  • und vor allem die große Zahl von Bohrungen.
[pullquote]Panorama: Die Risiken des Frackings sind nicht wesentlich höher als die Risiken der konventionellen Gasförderung.[/pullquote]

Mein Kommentar:
Geht es bei dieser Aussage um das Aufbrechen des Gesteins oder die Schiefergasförderung insgesamt?

Im ersten Fall ist die These sicherlich diskussionswürdig, wenn man die Auflagen für Fracking geeignet gestaltet und überwacht. Im zweiten Fall – und darum geht es ja schließlich in der energiepolitischen Debatte – ist die Aussage natürlich Unsinn.

Allein die hohe Zahl der Bohrungen und die zahllosen Aktivitäten an der Oberfläche führen unfallstatistisch zu ganz anderen Größenordnungen. Um auch nur 10% des deutschen Gasbedarfs über 20 Jahre zu decken, müssten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen mehrere Tausend Bohrungen niedergebracht werden.

Und nicht zuletzt: Auch „normale“ Gasbohrungen bringen Risiken mit sich. Erdbeben (vgl. den Ausbaustopp in Groningen), undichte Bohrlöcher, klimaschädliche Methanemissionen, Fackelarbeiten (Verbrennung von austretenden Gasen) mit z.T. toxischen Bestandteilen sind in der europäischen Gaswirtschaft an der Tagesordnung.

[pullquote]Panorama: Fast alle Wissenschaftler halten die Risiken des Frackings für beherrschbar.[/pullquote]

Mein Kommentar:
Auch hier ein Spiel mit Worten. Ein moderner PKW ist selbst bei hohen Geschwindigkeiten zweifellos „beherrschbar“. Aber wie hoch ist das Risiko, wenn Hunderte von Fahrzeugen durch eine Ortschaft rasen?

Blickt man in die USA, also in das einzige Land, das über einige Jahre Fracking-Erfahrung verfügt, so ist dort von einem Konsens nichts zu merken. Allerdings wird die Debatte allmählich sachlicher und aufschlussreicher. Nur ein Aspekt unter vielen: Wer kümmert sich in 20 Jahren um die Hunderttausende (!) von verlassenen Bohrlöchern in den USA. Schiefergasförderung gleicht einem Wanderzirkus, da die Vorkommen sehr schnell versiegen und daher an anderer Stelle immer wieder neu gebohrt werden muss.

Studien aus Pennsylvania und Kalifornien schätzen den Anteil der undichten Bohrlöcher und missglückten Bohrungen auf ca. 5%. Mit anderen Worten: In einigen Bundesstaaten der USA entsteht eine flächendeckende Altlast, deren Sanierung viele Milliarden Dollar verschlingen wird.

[pullquote]Panorama: Fachleute, die Fracking nicht rundweg ablehnen, werden nur unzureichend in die Politikberatung einbezogen. [/pullquote]

Mein Kommentar:
Das ist sicherlich richtig. Das Pendel der Debatte und der Politikberatung schwingt zwischen den Extremen hin und her. Es gibt lautstarke Befürworter und Gegner der Schiefergasförderung, die nur sprachliche Nebelkerzen werfen. Sachinformationen sind hier unentbehrlich, von Seiten der BGR wie des UBA, und nicht zu vergessen der beeindruckende Sachverstand, der sich in vielen Bürgerinitiativen und NGOs angesammelt hat.

Auch die Kommunen sollten mehr gehört werden. Sie sind unmittelbar betroffen: Der wochenlange Bohr- und Frackinglärm durch die großen Dieselgeneratoren, die enorme Verkehrsbelastung, die vielen Straßenschäden, wenn sich zahllose schwere LKW durch enge Ortschaften quälen, die Luftbelastung durch Methanemissionen und das Abfackeln der Gase, sowie Unfälle mit kontaminiertem Lagerstättenwasser und Chemikalien, die statistisch unvermeidlich sind.

[pullquote]Panorama: Schweigen[/pullquote]

Die Sendung schweigt leider zur eigentlichen Frage: Gibt es Alternativen, die unsere Energieversorgung mit geringeren Risiken und geringeren Kosten sichert?

Fazit:

Panorama präsentiert nur einen technischen Teilaspekt der Schiefergasförderung und will trotzdem allgemeine energiepolitische Schlüsse daraus ziehen. Damit verheben sich die Filmemacher.

Das gilt auch noch aus einem anderen Grund: Selbst wenn man (kontrafaktisch) die Harmlosigkeit der Schiefergasförderung unterstellen möchte, ist damit noch nichts über eine Kosten-Nutzen-Analyse ausgesagt. Es gibt andere, bessere Optionen, den Energiebedarf Deutschlands zu decken.

Nach unseren Schätzungen auf Basis der BGR-Zahlen und US-Erfahrungen ist eine maximale Schiefergasmenge von bis zu 10 bcm Erdgas pro Jahr möglich, die bis zu 11 % des deutschen Gasbedarfs decken könnte. Nach 20 Jahren wäre die Importabhängigkeit wieder genauso groß wie zuvor, da bis dahin die Schiefergasressourcen verbraucht sein werden. Und der Steuerzahler kann sich mit den Altlasten auseinandersetzen…

Brauchen wir also Schiefergas, um unsere energiepolitischen Ziele zu erreichen? Oder ist es nur ein Rettungsring für eine Gaswirtschaft, die angesichts schwindender heimischer Gasreserven ihre Kapazitäten nicht mehr auslasten kann? Jede Menge Stoff für investigativen Journalismus…

Dr. Steffen Bukold
EnergyComment


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Global Energy Briefing GEB Nr.95 (Vollkostenanalyse Shale Gas)
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Global Energy Briefing GEB Nr.85+84 (Sonderausgabe Shale Gas & Fracking)
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