Hier mein Artikel aus DIE ZEIT zum österreichischen Tankstellenmodell:

http://www.zeit.de/auto/2012-04/benzinpreis-kraftstoffmarkt

KRAFTSTOFFMARKT

Österreichs Spritpreismodell funktioniert

Die Regulierung des Tankstellenmarkts in Österreich habe den Benzinpreis kräftig steigen lassen, behaupten Kritiker. Die Daten widersprechen dem.

Pünktlich zum österlichen Reiseverkehr sind die Kraftstoffpreise wieder leicht gestiegen. Am Montag kostete ein Liter der meistgetankten Sorte Super E5 im Schnitt 1,71 Euro, der Dieselpreis lag bei 1,53 Euro je Liter. Doch das Problem am deutschen Benzinmarkt geht tiefer. Klar ist: Kraftstoffe sind in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ teuer. Das ist das schlichte Ergebnis hoher, wenn auch seit neun Jahren stabiler Energiesteuern.

Doch bisher galt, dass wenigstens die Vorsteuerpreise in Deutschland wegen des „harten Wettbewerbs um den deutschen Tankkunden“ deutlich unter dem EU-Schnitt lagen. Von wegen Kartell, der Markt funktioniere hervorragend, behaupten die fünf großen Tankstellenbetreiber, die den deutschen Markt dominieren, unisono. Niedrige Vorsteuerpreise darf man auch erwarten, denn Deutschland ist der größte europäische Kraftstoffmarkt, der zudem über die Rheinschiene und aus fast allen anderen Himmelsrichtungen gut versorgt werden kann.

Dieser langjährige Vorteil ist jedoch Anfang des Jahres verschwunden. Sowohl der Preis für Superbenzin als auch der Dieselpreis liegen in Deutschland mittlerweile auch vor Steuern über dem EU-Durchschnitt. Bei Superbenzin (E5) ist Deutschland aktuell das zehntteuerste Land der 27 EU-Staaten, werden die Dieselpreise verglichen, sogar das siebtteuerste. Dieser ungewöhnliche Trend ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Preise an den deutschen Zapfsäulen seit Monaten schneller steigen als die Kosten der Branche.

Über die Gründe dafür kann man nur spekulieren. Ist der Wettbewerb hierzulande vielleicht doch nicht so ausgeprägt? Liegt es an der Raffineriestruktur? Haben vielleicht nur noch die deutschen Autofahrer die nötige Kaufkraft, sodass höhere Tankstellenpreise in Deutschland von den Konzernen mit niedrigeren Preisen in wirtschaftlich schwächeren Ländern verrechnet werden?

Die Politik will dem mit einer stärkeren Regulierung der Tankstellenpreise begegnen. Ein Vorschlag ist die Übernahme des österreichischen Spritpreismodells. Dort dürfen die Tankstellenpreise nur einmal am Tag erhöht werden. Auch müssen alle Preisänderungen an eine Online-Preisdatenbank gemeldet werden, über die sich jeder Tankstellenkunde informieren kann, wo in seiner Umgebung die preislich attraktivste Tankstelle ist.

Dieser Ansatz wird jedoch vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Mineralölwirtschaftsverband bislang abgelehnt. Er bringe keine Verbesserung, heißt es. Die österreichischen Preise seien seit Einführung der Regelung Anfang 2011 weit überdurchschnittlich gestiegen, insbesondere im Vergleich zum deutschen Markt. Aber ist das tatsächlich der Fall?

Es mag sein, dass die österreichische Variante kein Königsweg ist, aber ein Blick auf die Preisentwicklung macht schon stutzig. Die Benzinpreise in Österreich sind seit Einführung der Regelung Anfang 2011 niedriger und stabiler als in Deutschland (siehe Grafik). Man muss sich wundern, wie das Ministerium zu einer anderen Einschätzung kommen konnte.

Fakt ist, dass in Deutschland die Öl- und Kraftstoffpolitik zu lange vernachlässigt wurde. Weder die Behörden noch die Forschungsinfrastruktur sind ausreichend vorbereitet, um den Herausforderungen im Kraftstoff- und vor allem im Rohölmarkt konzeptionell Paroli bieten zu können – insbesondere dem Problem Peak Oil, also der Zeitpunkt, ab dem das globale Fördermaximum überschritten ist. Die Stromwende ist richtig und wichtig. Aber darüber sollte man unsere einseitige und riskante Abhängigkeit vom Öl nicht vergessen.

© ZEIT ONLINE

STEFFEN BUKOLD

Steffen Bukold

© privat
Steffen Bukold ist Leiter des Forschungs- und BeratungsbürosEnergyComment und Herausgeber der Newsletter Global Energy Briefing und China Energy Briefing.