Die chinesische Kohlewirtschaft ist das größte Einzelsegment der globalen Energiemärkte und mit etwa 7 Gigatonnen der größte CO2-Emittent der Welt. Jede zweite Tonne Kohle weltweit wird in China gefördert und verbraucht. Schon kleine Kurskorrekturen in Peking führen zu großen Preisausschlägen auf den Weltkohlemärkten, mit weitreichenden Konsequenzen für den Strommix auch in Europa.

Kohle ist gleichzeitig aus chinesischer Sicht der Rohstoff, der die rasante Industrialisierung des Landes erst möglich gemacht hat, der die Lebenshaltungskosten niedrig hielt, Wohlstand schuf und an die 5 Millionen Arbeitplätze bereitstellte. Kohle ist in China mehr als nur ein Energieträger. Sie spielte und spielt sozialpolitisch, beschäftigungspolitisch, regionalökonomisch und kulturell eine große Rolle in der jüngeren chinesischen Geschichte.

Kohle wird in fast allen chinesischen Provinzen gefördert und insbesondere für ärmere, ländliche Regionen überlebenswichtig, so z.B. für die kostenlose Wärmeversorgung im Winter. Die zahllosen Kohleminen sind in gewisser Hinsicht die chinesische Variante von Bürgerenergie und dezentraler Energieversorgung. Viele Minen werden kommunal betrieben, sichern über ebenfalls kommunale/regionale Kraftwerke die Energieversorgung für die regionale Industrie und sind als Arbeitgeber oftmals von entscheidender Bedeutung.

Umgekehrt werden die großen Windparks und PV-Großanlagen in ländlichen Regionen häufig von ortsfremden Großinvestoren und Konzernen betrieben. Es überrascht daher nicht, wenn regionale Behörden etwa die Einspeisung von Windstrom in den westlichen und nördlichen Provinzen auf Kosten „ihrer“ Kohlekraftwerke immer wieder behindern. Ähnliches gilt für kommunale oder staatliche Stromnachfrager im Osten Chinas, die – institutionell vermittelt über die Eigentumsverhältnisse – lokalen Kohlestrom dem „ortsfremden“ Grünstrom aus weit entfernten Provinzen vorziehen.

Die Konzepte einer dezentralen Stromversorgung und von Bürgerenergie werden also in vielen Regionen Chinas genau andersherum wahrgenommen als in Deutschland: Kohle heißt dezentral und bürgernah, Solar- und Windstrom heißt zentral und anonym.

Auch die aktuellen Veröffentlichungen über einen deutlichen Rückgang der Kohleproduktion  könnten sich im Rückblick als zu optimistisch herausstellen. Viele Provinzen, Landkreise, Kommunen und Konzerne wollen einerseits die ökologische Planerfüllung verkünden, aber andererseits nicht die finanziellen Erträge und das Wirtschaftswachstum gefährden. Es gibt zahllose Berichte über Kohlebergwerke, die als offiziell geschlossen gelten, aber de facto weiter in Betrieb sind. Schon einmal, in den 90er Jahren, scheiterte die Pekinger Kohlepolitik am zähen Widerstand lokaler Akteure.

Allein schon die schiere Größe der Branche machen einen Kohleausstieg Chinas, ohne den ein globaler Klimaschutz kaum möglich erscheint, daher zu einer Mammutaufgabe.

Die ausführlichen historischen und aktuellen Ausführungen in diesem Newsletter zeigen, in welchem Umfang soziale, ökonomische, regionale und politische Interessen in China mit der Kohlewirtschaft  verwoben sind – von regionalen Kohlebaronen und flexiblen TVM-Minen bis zum Dauerkonflikt mit der Stromwirtschaft. Jeder ernsthafte Versuch eines Kohleausstiegs wird in China auf vielschichtigen Widerstand stoßen.


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