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Folgt man der medialen Berichterstattung über Iran während der letzten Jahre, so war diese im Wesentlichen durch drei Themen besetzt: Das iranische Atomprogramm, die aggressive Politik und Rhetorik gegenüber Israel sowie Menschenrechtsverletzungen. Alle drei Themen bringen das Land in einen Konflikt mit Europa. Alle drei sind ernst zu nehmen, doch erlauben die Potentiale des Landes weder sich auf diese drei Themen zu beschränken, noch ist es klug, dies zu tun, um westliche Interessen zur Lösung der Konflikte wahrzunehmen.

Diese Potentiale sind vielfältig: Iran ist das nach Einwohnern mit Abstand größte Land des Mittleren Ostens (78 Millionen), es ist das Land mit dem höchsten Bildungsniveau der Region, wobei 62 Prozent der Studenten Frauen sind. Auch deutet das Erscheinungsbild der 15-Millionen-Metropole Teheran, der Hauptstadt einer 7000 Jahre alten Kulturnation mit einem beträchtlichen Einfluss auf die europäische Geschichte weder auf eine Dominanz der Moscheen, noch auf eine arabischen Ländern vergleichbare Kleiderordnung für Frauen hin. Besonders wichtig aber ist, dass bei aller Dominanz des Mullah-Regimes in strategischen politischen Fragen auch die regierende politische Klasse für Pluralismus und einen kontroversen Diskurs offen ist und dabei keinen Hehl daraus macht, dass sie sich eher von Europa, sogar den USA, als von China angezogen fühlt.

Im Folgenden soll nun vor allem das energiepolitische und geopolitische Potential des Landes und dessen Bedeutung für Europa ausgelotet werden. Zählt man die beiden für den globalen Handel und die internationale Energiepolitik wichtigsten Energieträger Öl und Erdgas zusammen, so nimmt Iran mit seinen Reserven in Höhe von 370 Milliarden Barrel Öläquivalente (bboe) den zweiten Platz hinter Russland (383 bboe), aber vor Venezuela (333 bboe) und Saudi Arabien (320 bboe) ein.(1) Iran ist (nach Saudi Arabien) der zweitgrößte Ölexporteur der OPEC und der drittgrößte Exporteur weltweit. Längerfristig kommen noch höhere strategische Bedeutung Irans Erdgasreserven zu. Als zweitgrößtes Reserveland der Welt (16% der Weltreserven) nimmt Iran deshalb eine so wichtige Bedeutung ein, weil Erdgas in den bevorstehenden Jahrzehnten eines globalen Umbaus der Energieversorgung  von einer überwiegend fossilen zu einer emissionsärmeren,  verstärkt erneuerbaren Energieversorgung eine Brückenfunktion zufällt.

Die Internationale Energieagentur (IEA) geht im New Policy Scenario ihres jüngsten World Energy Outlook davon aus, dass der globale Verbrauch von Erdgas zwischen 2009 und 2035 um 55% wächst und dabei der Anteil am globalen Energiemix von 21% auf 23% ansteigt, während diese Anteile bei Öl und Kohle zurückgehen werden.(2) Folgt man dem „Golden Age of Gas“-Szenario der IEA, das dann realistisch wird, wenn zum Beispiel auf Grund von Ölengpässen mehr Erdgas im Verkehrssektor verwendet wird oder wenn China den Aufbau seine nachholenden Erdgasinfrastruktur beschleunigt, dann sind die Wachstumsraten für den globalen Erdgasverbrauch noch wesentlich höher anzusetzen.(3)

Eine solche Perspektive muss Iran, das bisher auf Grund fehlender Transportinfrastruktur und nachholender Produktion nur geringe Mengen Erdgas exportiert, stärker ins Spiel kommen. Dies gilt insbesondere deshalb, weil die großen Nachfragewachstumsmärkte (Europa, China, Indien, Pakistan) in einer Entfernung von Iran liegen, die per Pipeline wirtschaftlich erreichbar ist.

Europa befindet sich bezüglich seiner Erdgasversorgung in einer doppelten  Veränderungsphase. Zum ersten geht die eigene Produktion zurück und zwar gemäß IEA-Schätzung (für OECD-Europa) um durchschnittlich 1,4% pro Jahr bis 2035, in absoluten Zahlen von 294 Milliarden Kubikmetern (bcm) im Jahr 2009 auf 204 bcm. Gleichzeitig steigt die Nachfrage um jahresdurchschnittlich 0,9% oder absolut von 537 bcm auf 671 bcm an.(4) Der daraus entstehende zusätzliche Nettoimportbedarf in Höhe von 224 bcm kann nicht durch zusätzliche Produktion in Russland abgedeckt werden, zumal Russland in Zukunft auch den asiatischen Markt bedienen will.

Europa bezieht derzeit mehr als die Hälfte seiner Erdgas-Importe (von außerhalb Europas) aus Russland. Dies ist historisch zu erklären und geht auf die Entspannungspolitik der 1970er Jahre zurück, dem Beginn des Aufbaus der größten internationalen Erdgastransportinfrastruktur der Welt. Ökonomisch sinnvoll wäre eine diversifizierte Belieferung Europas, des mit Abstand größten Importmarktes der Welt. In der Region des südkaspischen Raumes bis zum Persischen Golf mit Iran im Zentrum sind wesentlich mehr Erdgasreserven gelagert als in Russland, und die Entfernung nach Mitteleuropa ist nicht größer als von Westsibirien. Allein die drei Länder Turkmenistan, Iran und Katar verfügen über 40% der Weltreserven (Russland über 21%), während bis auf LNG-Transporte aus Katar kein Erdgas aus dieser Region nach Europa gelangt.

Die EU hat sich seit den 1990er Jahren um einen Zugang zu den kaspischen Erdgasreserven bemüht. Im Jahr 2007 wurde das Nabucco-Pipelineprojekt (Kapazität 31 bcm pro Jahr) zu einem der vier wichtigsten Energieinfrastrukturprojekte erklärt (die anderen drei sind Stromleitungen). Seit Juni 2012 steht fest, dass das Nabucco-Projekt mindestens im Sinne einer strategischen Diversifizierung der europäischen Erdgasbezüge gescheitert ist. Der wesentliche Grund dafür ist, dass weder turkmenisches, noch iranisches, noch katarisches, auch kein irakisches Erdgas verfügbar ist, um die Pipeline zu füllen. Dabei verfügen alle diese Länder in naher Zukunft über Erdgas, das sie gerne auf dem weltgrößten Importmarkt anbieten würden. Im Falle Turkmenistans und Katars stehen europäische Sanktionen, die keine Durchleitung durch Iran akzeptieren dagegen, bzw. Irans Veto gegen eine transkaspische Pipeline von Turkmenistan nach Aserbaidschan. Mit Iran selbst will die EU keine Gasgeschäfte eingehen, so lange die genannten Differenzen fortbestehen.

Die europäischen Sanktionen, welche Öl-Käufe aus Iran untersagen, sind im Vergleich dazu zwar von geringerer geopolitischer Bedeutung. Der Mittlere Osten liefert heute schon über 60% seines Öls nach Asien. Dieser Anteil wird sich weiter erhöhen, während Europa seine abnehmenden Ölkäufe im Wesentlichen aus Russland und Afrika, besonders Nordafrika, abdeckt. Doch ist Iran als drittgrößter Ölexporteur weltweit eine wichtige Einflussgröße auf dem Ölmarkt, der bei aller Marktunvoll­kommen­heit einen globalen Preis bestimmt, welcher einen großen Einfluss auf die Konjunkturen aller Verbraucherländer ausübt.

Angesichts dieser Konstellationen zeugt es politisch von wenig Phantasie und Geschick, wenn sich die Beziehungen zu Iran auf Vorwürfe, Sanktionen und Isolation beschränken. Ohne die genannten drei Probleme klein zu reden, wäre es doch angemessen, diesem Land Optionen zu öffnen, die zum europäischen Vorteil gereichen. Dazu gehört ein Dialog über die globale Energiewende im Allgemeinen und die Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energie und von Erdgas am Energiemix im Konkreten. Ein solcher Diskurs, für den in Iran ein großes Interesse besteht, würde auch die Luft aus der künstlich aufgeblasenen Prestigeangelegenheit des Strebens nach Kernenergie herausnehmen. Viele Entscheidungsträger in Iran sind sich bewusst, dass Kernenergie eine Technologie des 20sten Jahrhunderts, aber kein Statussymbol für die Zugehörigkeit zur modernen Industriegesellschaft darstellt. Hierfür könnte erneuerbare Energie, die angesichts des von der Sonne begünstigten Landes von den Energieministerien durchaus gefördert wird, ein besseres Symbol darstellen. Allerdings sind sich die Entscheidungsträger auch bewusst, dass die Forschung im eigenen Lande von der Spitzentechnologie weit entfernt ist und diese angesichts der gegebenen Isolation auch schwer erreichbar bleibt.

Bezüglich des Erdgases geht es darum, dass trotz des Scheiterns des Nabucco-Projektes  langfristig eine Transportinfrastruktur zwischen der weltweit größten Reserveregion (zwischen Kaspischer und Golf-Region) und der dauerhaft mit Abstand größten Importnachfrage-Region (Europa) aufgebaut werden sollte. Iran ist hierfür das Schlüsselland, Lösungen ohne Iran sind denkbar (siehe Nabucco), aber schwer realisierbar. Außer der Peitsche sollte auch das Zuckerbrot einer dauerhaften und wechselseitig vorteilhaften Kooperation dem Iran als Alternative zu seiner europafeindlichen Politik konkretisiert und in einen nicht-konditionierten Dialog eingebracht werden. Die Alternative hierzu wäre eine einseitige Orientierung Irans  in Richtung China. Für China bedeutete dies ein großer Schritt zur Lösung seines Energieproblems. Damit wäre aber dieses bedeutende Land Iran aus dem europäischen Einflussbereich verschwunden.

(1) Berechnet aus den Daten von BP Statistical Review of World Energy, Juni 2012

(2) International Energy Agency World Energy Outlook 2011, Paris, November 2011, S. 544

(3) International Energy Agency, World Energy Outlook 2011, Paris, November 2011, S. 170 ff.

(4) International Energy Agency, World Energy Outlook 2011, Paris November 2011, S.159 und S.165

Foto: Steba/Shutterstock Nord-Teheran


friedemann-mueller Dr. Friedemann Müller ist einer der einflussreichsten Berater der deutschen Energie- und Klimapolitik . Er war bis vor kurzem bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Deutschlands größter Denkfabrik für internationale Angelegenheiten, in leitender Position tätig. Er  gründete und leitete das International Network To Advance Climate Talks (INTACT), arbeitete bei der RAND Corporation und dem Overseas Development Council in Washington D.C. sowie im Auswärtigen Amt. Dr. Müller ist jetzt als selbständiger Berater in München ansässig.